Kann ich diesen Roman schreiben?

05. Mai 2016 – Innenwelt

Die Frage ist rhetorisch. Ich kann diesen Roman schreiben, wer sollte es mir verbieten? Nur ich selbst kann es mir verbieten, nur ich kann zu mir sagen: Lass es sein, du hast nicht die Erfahrung, du hast eigentlich überhaupt keine Ahnung von der Materie. Ich tue es nicht, noch nicht, ich schreibe weiter. Aber mindestens einmal in einer Schreibwoche kommen diese Fragen, diese Zweifel: Warum schreibst du über dieses Thema? Der Roman wird zu großen Teilen in Südamerika spielen und streckt sich vom 18. Jahrhundert in die Jahre 1984 und 2014 (über die Recherche habe ich bereits geschrieben). Ich war weder in Südamerika, noch habe ich dort Freunde oder Bekannte. Das Thema war eines Tages einfach da – der Fluss, der Urwald, Iquitos, eine abgelegene Plantage. Ich habe lange und ausdauernd zu allemöglichen Themen recherchiert (Ökosystem, Flora und Faune, Historie, Kulinarische Besonderheiten, Musik, Tänze usw. etc.), was ich aber nicht recherchieren kann sind Atmosphären, Gerüche, Geräusche, Eigenheiten, die man nur als direkt am Geschehen Beteiligter erfahren kann. Und hier setzt die entscheidende Frage an: Was bedeutet Authentizität für meine Arbeit am Roman?

Als Schriftsteller lüge ich. Ich fabuliere, ich dichte Menschen Eigenschaften an, Landschaften Berge und Täler, einem Apfel Geschmack und Aussehen. Ein Roman erschafft immer einer zweite Welt, er kann nie die wirkliche Welt abbilden, auch wenn er Techniken und Tricks darauf verwendet. Und er sollte es auch nicht. Dafür gibt es den Journalisten, den Reporter, der aus unserer Jetztwelt, von Fakten gesättigt und am Geschehen beteiligt, berichtet. Der Roman erschafft eine neue Wirklichkeit, eine, die der tatsächlichen Welt ähnelt, aber nie deckungsleich mit ihr ist. Also erschaffe ich ein zweites Südamerika, ein zweites Amazonastiefland, in dem meine Figuren in ihren Booten den riesigen Rio Ucayali befahren und durch die Straßen von Iqutios und Requena streifen. Es ist nie das wirkliche Südamerika, es sind nie wirkliche Menschen, sondern Abbilder davon, Projektionen, die durch mich, durch meine Lügen (oder Erfindungen) erst lebendig werden. Niemand kann in das Iqutios’ meines Romans reisen, nie kann jemand den Rio Ucayali hinauffahren, den meine Figuren hinauffahren, es geht nur innerhalb des Romans.

Fiktive Literatur ist immer eine Vorspiegelung, eine Realität, die nicht ist und doch vorgibt, zu sein. Ein Roman ist immer eine Lüge ...

— Mario Vargas Llosa, Briefe an einen jungen Schriftsteller

Aber gibt es so etwas wie Authentizität für den Roman, fürs Schreiben? Ich glaube, es ist die Geschichte selbst, die das Authentische am Roman ausmacht, dasjenige, was ich erzähle, wie ich es erzähle. Es sind die Figuren, ihre Handlungen und ihre Gefühle, die das besondere ausmachen, es sind ihre Lebenswege, von denen ich erzähle. Natürlich spielt die Umgebung eine wichtige Rolle, die Natur, die Städte und Dörfer, aber sie sind nicht der Fixpunkt der Erzählung, sondern lose Koordinaten, einzelne Punkte eines komplexen Polygons. Im Inneren pulst dasjenige, was mich jeden Tag zum Schreiben antreibt, der eine Augenblick, der alles folgende ausgelöst hat: Ein bestimmtes Bild, eine Ahnung von Leben.

Also schreibe ich diesen Roman.