Nix [1] – Totengräber

09. Oktober 2015 – Nix

Weber sah zu Debinski, Debinski aber sah hinunter auf seine verdreckten Stiefel. Weber hatte sich den Kragen seines schwarzen Kammgarnmantels aufgeschlagen und hielt den obersten der schwarzen Knöpfe sacht mit beiden Lippen umschlossen, lutschte leise daran, während Debinski seine Schuhe inspizierte und seine Kippe zwischen Daumen und Zeigefinger rollte.
„Furchtbar, oder?“, er sah nicht auf.
„Es ist immer furchtbar. Irgendwie“, Weber behielt den Knopf zwischen den Lippen und und sprach gegen seine Zähne.
„Dabei hab ich sie erst gestern geputzt“, Debinski saugte an seiner Kippe, der Rauch wölkte sich um seinen Kopf und Weber dachte für Augenblicke an eine Zeichentrickfigur, der vor Wut oder weil sie angestrengt nachdenkt der Rauch aus dem Kopf steigt.
„Aber zum Glück merken sie's ja nicht mehr“, sagte er.
„Merken sie sehr wohl“, Debinski sah wieder auf seine Stiefel. „Die sind tot, aber nicht blöd. Die merken das.“
Weber sagte nichts mehr, er sah jetzt den breiten Weg hinunter, der zwischen den Gräbern und den schlammigen Wiesen verlief und sich hinten bei den Gartenabfalltonnen im Nebel verlor. Es hatte aufgehört zu regnen, kurz bevor Debinski und er raus auf die Wiese waren, um den neuen Graben auszuheben. Der Boden war weich gewesen und suppte unter ihren Stiefeln. Weber hatte Gummistiefel getragen, Debinski seine Lederstiefel. Er mochte es nicht besonders, wenn Debinski über die Toten sprach. Er war froh, wenn er ab nächster Woche wieder für die Reihengräber zuständig war und auf dem schmalen Unimog alte Steinplatten hinters Werkhaus karren konnte. Debinski wirkte gedrungen und es sah so aus, als habe er einen Buckel. Vielleicht beugte er sich aber auch nur nach vorn, um seine Stiefel besser zu sehen.
„Da kommt niemand mehr“, sagte Weber.
„Sieht so aus.“
„Fangen wir jetzt an?“
„Hast du ein Taschentuch?“, Debinski sah auf, und in seinem Blick lag Verzweiflung, etwas, dass Weber manchmal bei den Trauernden sah, in jenen Momenten am Grab, da sie zu begreifen begannen, dass der Tod nichts war, was man zurückgeben konnte, nichts, was sich reklamieren ließ. Weber fuhr in seine Manteltasche und reichte Debinski ein zerknülltes Taschentuch. Der beugte sich und rubbelte über die Spitze seines rechten Stiefels, das Tuch zerriss. Weber ließ den Knopf aus seinem Mund flutschen, hob den Kopf und zuckte die Schultern.
„Lass mal loslegen.“

(...)


NIX – Texte, die einen Anfang haben, aber kein Ende. Texte, die nicht mehr wollten oder konnten. Texte, die den Faden verloren haben oder nie einen hatten.