San Francisco


Erzählung, 2016

Sie sehen: Valencia ist stehengeblieben, etwa zweihundert Meter vor ihnen am Gleisschotter, und sie sehen: Er blickt auf ein unförmiges Bündel vor sich auf den Schienen, der Atem quillt ihm aus dem Mund, er läuft noch auf der Stelle, aber dann bleibt er doch stehen und lässt die Arme herunterhängen. Valencia dampft, das Bündel ist ein in Stoffreste und Stofflappen eingewickeltes Ding, ein Hund vielleicht. Ein toter Säugling, denkt Alex und richtet sich auf, und etwas verrutscht, er greift nach der Plastikflasche und nimmt noch einen Schluck. Es ist Fjodor, der die Draisine zum Stehen bringt. Er sitzt gegen die Fahrtrichtung, er schaut sich nicht um, seine Bewegungen sind schwerfällig, aber notwendig. Es gibt zuerst dieses Knacken als würde ein Ast brechen, dann knarzt es unter ihren Ärschen und der Pionier steht still. Alex reicht Fjodor die Flasche und steigt in den Schotter. Er kann Valencia über das Bündel gebeugt dastehen sehen, in der Haltung eines neugierig, aber zögernden Kindes, das Kinn nach vorn gereckt. Alex zögert. Manche Dinge, so weiß er, interessieren einen besser nicht. Manche Dinge bleiben besser in ihrer bündelhaften Verschlossenheit neben den Gleisen, und sie setzen ihren Weg nach Alapajewsk fort wie gewohnt, auch wenn es an diesem Tag nichts zu holen geben wird.
„Es ist Mutter Schura“, sagt Valencia.
„Mutter Schura“, sagt Alex.
Dann warten sie. Sie können Fjodor brummen hören, und der Wind reibt sich am Gestänge des Pioniers. Fjodor ist mit einer Handarbeit beschäftigt und schaut nicht auf.
„Was macht sie da?“, sagt Alex. Er beugt sich jetzt ebenfalls nach vorn wie Valencia, und da kann er es sehen: Das weiße Gesicht der Mutter Schura, in friedvoller Übereinstimmung mit den Dingen dieser Welt.
„Wir müssen sie mitnehmen“, sagt Valencia. „Ich glaube, da war schon ein Hund dran.“ Mit der Spitze seines Turnschuhs hebt er das Kleiderbündel etwas an und im Stoff sind fransige Löcher zu sehen. „Wir müssen sie mitnehmen.“
Schließlich ist es Fjodor, der die steifgefrorene Mutter Schura auf den Pionier hebt, neben die beiden Sitze. Er hat seine Handarbeit, etwas mit Drähten und einer Zange, zur Seite gelegt, und er hebt die Mutter Schura wie eine Schaufensterpuppe auf den ihr zugewiesenen Platz. Er sagt: Kannte sie irgendjemand besser als ein kurzes Nicken beim Vorbeigehen? Valencia springt hinten auf, der Pionier ruckt an. Alex legt einen Arm auf Mutter Schura, er will ihr nicht in die eisigen Augen blicken, der Wind fährt ihm böig unter die Jacke, jetzt mach schon, flucht er leise, jetzt mach schon. Es ist gerade etwas zu Ende gegangen, während es am Ende der Bahngleise vielleicht schon wieder von neuem beginnt.

Dinge sind in diesem Dorf wie Mutter Schuras Hände und Mutter Schuras Gedanken in Form von Birken und Kiefern, Dinge, die sie, Wassa, beim Schreiben sucht und nicht findet.

Es ist Wassa, die sich an diesem Abend als erste ein Stück Tomate vom Teller nimmt, es kurz betrachtet und es sich dann mit einer nachdenklichen Bewegung in den Mund schiebt. Und es ist Wassa, die als erste an diesem Abend von dem Kind spricht, nicht von John Grands Kind, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geboren ist und nur als eine Idee in ihren Notizen lebt, sie spricht vom Sohn des Lokführers Komorow, der vor nicht einmal sechs Stunden geboren wurde, im Personenwagen des Zuges am Bahnhof von Kalatsch.
„Und die Mutter, sagst du, die hat keinen Ton von sich gegeben? Gar keinen?“
„Keinen“, sagt Marta und schaufelt sich Zucker in den Tee.
„Ich hab damals alle Dachziegel vom Haus gebrüllt“, sagt Wassa.
„Keinen Ton“, sagt Marta. „Und ich sag dir auch warum: Wegen Mutter Schuras Händen, denn sie spenden Trost und Linderung. Die Frau hat nur so dagelegen, neben dem Ofen, und immerzu Mutter Schura angeschaut, während die mit dem Kind sprach. Der Vater war vorn bei der Lok, er wollte es nicht sehen.“
„Was wollte er nicht sehen? Das Blut?“
„Mutter Schura über seiner Frau. Als wollte sie der Frau das Kind aus dem Unterleib saugen.“
„Du spinnst doch.“
Marta rührt ihren Tee um und Wassa blickt nach draußen in den anbrechenden Abend. Sie ist etwas durcheinander. Nicht so sehr wegen dem Neugeborenen, von dem sie ja erst durch Marta erfahren hat, es ist eher eine trübe Verstimmung, die sie in sich aufsteigen spürt beim Namen der Mutter Schura, eine eigentümliche Ergriffenheit. Dinge umgeben sie wie ihre Wäsche und ihre Zigaretten, Dinge sind in diesem Dorf wie Mutter Schuras Hände und Mutter Schuras Gedanken in Form von Birken und Kiefern, Dinge, die sie, Wassa, beim Schreiben sucht und nicht findet. Sie nimmt sich noch ein Stück Tomate und kaut darauf herum wie auf einem zähen Stück Fleisch, und sie denkt: Wenn morgen der Strom, sie denkt: und neue Slipeinlagen. Marta rückt vom Tisch und steht auf. Sie blickt einen Augenblick lang auf die Manuskriptseiten, einen Moment schaut sie zu lang, als ob sie noch etwas sagen wollte, und dann sagt sie:
„Lass uns raus gehen.“
Obwohl es im Kulturhaus kein Rauchverbot gibt, gehen die beiden mit nach draußen, wo sie sich ans Geländer des Treppenaufgangs lehnen. Marta gibt Feuer, Wassa schaut in das erleuchtete Innere, das ihr dann immer erscheint wie ein Schwimmbad, mit den blauen Wänden und den gelben Kacheln an einer Seite. Sie sehen jetzt Mutter Schura, und Marta winkt. Die Alte kommt den Bohlenweg entlanggeschlurft, es hat wieder zu schneien begonnen, und sie bleibt vor der Treppe stehen, sie sieht in den Himmel, als habe sie dort oben etwas verloren. Marta geht zwei Stufen nach unten, sie entzündet eine Zigarette und reicht sie Mutter Schura.
„Wie heißt er denn, der Junge?“, fragt sie.
Mutter Schura bläst in die Glut. Ihre Finger sind von der Kälte gekrümmt.

Sie sind genügsam und verlangen nicht viel mehr als ein geheiztes, trockenes Zimmer, etwas Suppe und manchmal ein Glas Wodka. Mutter Schura nennen sie liebevoll Babuschka, und dann kichert sie und winkt ab. Einmal die Woche muss sie nach Alapajewsk um einzukaufen, jetzt im Winter ist sie froh, wenn sie Valencia, Alex und Fjodor einen Zettel mitgeben kann und ein paar Rubel, wenn sie ihnen ein Glas Gurken hinstellt und hofft dafür etwas Milch zu bekommen oder Butter. Mittag ist längst vorbei, aber noch immer sitzt sie, Babuschka, vor dem Ofen, sie hört das Holz bersten in der Hitze, sieht durch den Spalt das grelle Licht des Feuers fauchen. Sie hat sich zwei alte Röcke über die Knie gelegt, die Familie kann nicht anders als milde zu lächeln, sie sind immer so gut zu ihr gewesen. Sie zittert ein kleinwenig, ihre Schultern und ihre Knie, und sie betrachtet das getrocknete Blut an ihren Händen, das ihr jetzt dunkel, fast schwarz wie eine zweite Haut von den Fingern blättert. Sie denkt: Es ist noch nicht soweit, noch nicht, denkt sie. Die Familie stimmt ihr zu. Sie sind sich sicher, dass es noch über den Winter hinausgehen wird, es wird das Frühjahr überdauern und weiter in den Sommer hineinragen, wenn die Luft schwarz ist von Mücken, dann wird sie barfüßig ihre Wege gehen, auf einer weichen, warmen Erde, dann wird sie sich von den Jungs ein Stück auf dem Pionier mitnehmen lassen, sie werden eine Flasche herumgehen lassen und sie wird ihnen von den Sägewerken und den kilometerlangen Zügen mit feinstem Holz erzählen, sie wird das alles vor sich sehen: die in der Hitze flirrenden Gleise, die Güterwagons und die Gruppen ausgezehrter Männer, die Hände, Münder und Augen.
Sie schiebt die Röcke zur Seite und steht brummend auf, sie reibt ihre Hände an ihrer Weste und steht dann vor der Familie, den grinsenden Vogelscheuchen. Sie gibt dem Vater eine Backpfeife, eher liebevoll als tadelnd, sie wirft sich ihren Mantel über, der schon der Mantel ihres Vaters und der Mantels seines Vaters war, ein nach feuchter Erde und Schweiß riechender Loden, und öffnet die Tür. Draußen duftet es nach Schnee als wäre es frischer Kaffee.

John Grand war nicht des Geldes oder von Berufs wegen nach San Francisco gekommen, er kannte niemanden in der Stadt noch hatte er eine andere Beziehung zu ihr, die den Umzug von Baltimore rechtfertigen würden. Er war wegen der Liebe dort. Manchmal musste er lachen, wenn er daran dachte. Dann zündete er sich eine Zigarette an in einem der Cafés und warf einen Blick in die Zeitung, und er lächelte dabei, als habe er gerade ein besonders witziges Comic gelesen, dabei war es nur die Kommunalpolitik. Sie hieß Lydia Davis, ein Allerweltsnamen, aber er schmeckte Erdbeeren und Sahne, wenn er ihn aussprach. Mit Lydia Davis war er aufs College gegangen, dann hatten sich ihre Wege getrennt. Bei einem Klassentreffen hatte er sie vor fünf Jahren dann erneut getroffen, in Begleitung ihres Ehemanns Rainer, einem Deutschen, und sofort war alles wieder da gewesen: der Geruch ihres Halstuchs, die Art wie sie sich eine Strähne aus dem Gesicht strich und dabei die Augen leicht verdrehte, ihre Bewegungen während des Rauchens einer Zigarette. Sie war schön, aber das war es nicht. Vielmehr lockte ihn ihre Unnahbarkeit, ihre fast schon brüske Ablehnung seiner sanften Annäherungen. Sie stachelten ihn an und befeuerten seinen Willen, sie von sich zu überzeugen. Deshalb war er in San Francisco, deshalb schlenderte er durch die Straßen, fotografierte die im Gothic Revival- oder Italianate-Style erbauten Gründungshäuser, fuhr mit den Cable Cars und mietete sich immer wieder einen Wagen, um über die Golden Gate Bridge hinaus in jene Siedlung zu fahren, wo Lydia Davis lebte und dort die Nacht am Straßenrand mit Blick zu ihrem Fenster zu verbringen, rauchend, einen kalten Burger essend. John Grand war nicht unglücklich. Er dachte an Kinder, an ein mögliches Leben mit Lydia und daran, wo er die Leiche ihres Mannes Rainer verschwinden lassen konnte.
Wassa lehnt sich zurück, schließt die Augen und überlässt sich kurz den tosenden Stimmen in ihrem Kopf. Sie massiert sich die Schläfen und starrt auf die Tasten ihrer Schreibmaschine, die wie Zähne eines alten Gebisses stumpf glänzen. Aus der Küche zieht der Duft des Eintopfs zu ihr. Ihr Rücken schmerzt, sie hat vergessen zu heizen. Sie öffnet die Ofenklappe und stochert in der Glut herum, dann legt sie zwei Scheite nach und knüllt etwas Papier zusammen. Dunkler Rauch quillt ihr entgegen und sie schlägt die Klappe zu. Sie genießt das Beißen in den Augen.
„Ich verstehe John nicht“, hatte Marta gesagt, als sie bei ihrem letzten Treffen vor dem Kulturhaus standen, rauchten und ins Schneetreiben sahen. „Was will er von dieser Frau, wo er doch jede andere haben kann? Zumindest wirkt er so auf mich, als könnte er jede andere auch haben. Und ich glaube auch nicht, dass du einen Mörder aus ihm machen kannst, denn ich glaube nicht, dass du einen Kriminalroman schreiben willst. Nein, was du schreibst ist etwas anderes. John erinnert mich an Fürst Myschkin, nur ohne Anfälle. Aber ich glaube, er ist genauso naiv und tragisch wie er. San Francisco wird ihn schlussendlich umbringen.“
Wassa rührt den Eintopf um und schaut dabei aus dem Fenster. Mutter Schura eilt in ihrer tölpelhaften, kindischen Art dem Bahnhof zu. Wassa schiebt sich ein weiches Stück Karotte in den Mund und lutscht daran. Der Brief des Verlegers liegt ungeöffnet auf dem Küchentisch, sie kennt die Antwort, sie kennt schon alle Antworten.

Es sind immer dieselben Dinge, die einen in Ketten legen, denkt Valencia: Liebe, Heimweh, der Anblick eines blöden Vogels am Gleisrand.

Valencia hätte es schaffen können, fast hätte es Valencia geschafft. Er spielte schon in der Regionalauswahl in Jekaterinburg, auf leuchtendem Kunstrasen, er trug Adidas und Nike und wohnte in einem Appartement mit zwei anderen. Valencia flog als einziger von ihnen nach Spanien und schwitzte sich in Madrid und Malaga die Seele aus dem Leib, angetan mit Badelatschen und bunten Shorts. Er brachte jedem ein Trikot von Messi mit, aber Alex sagte, es sei eine Fälschung, bei den echten Trikots sei das Vereinslogo aufgestickt und nicht bloß aufgedruckt.
Sie machen keine große Sache daraus. Valencia läuft auch bei Schnee eine Weile neben dem Pionier her, bevor er sich schnaufend hinten aufs Trittbrett stellt und über die Köpfe seiner Freunde hinweg den Schienenstrang entlangpeilt. Es sind immer dieselben Dinge, die einen in Ketten legen, denkt Valencia: Liebe, Heimweh, der Anblick eines blöden Vogels am Gleisrand. Dieses dumme Herz, sagt er manchmal, und dann lehnt er seinen Kopf gegen Alex’ Schulter. Aber sie wissen, dass er nicht unglücklich ist, niemand ist unglücklich, nur weil er sich für die Draisine entschieden hat.
Fjodor schneidet das Brot in daumendicke Scheiben, Alex wickelt die gekochte Wurst aus der Folie und Valencia pult die Schale von den Eiern. Sie sind hinter Alapajewsk, noch vor Strokinka, der Pionier zuckelt im Schritttempo übers Gleis und alle drei haben Appetit, obwohl sie seit dem Aufstehen nicht viel mehr getan haben außer herumzusitzen und zu frieren, selbst Valencia. Der Himmel liegt wie ein nasser Köter über den Schienen. Ein paar Hütten ziehen vorbei, ehemaliges Leben, spärliche Gärten, eine Ziege angebunden an einen Pflock, zum Fischen hinunter an den Fluss, der erst stank und dann versiegte. Dann der Bahnhof von Kalatsch, etwas Windschiefes, als könne man es durch bloßes Anstarren zum Einsturz bringen. Valencia richtet sich auf, Alex auch, nur Fjodor bleibt in mampfender Behaglichkeit hocken. Die Lok ist auf dem anderen Gleis, davor auf den Schienen und daneben im Schotter stehen und hocken Menschen, einige rauchen, einige trinken, man scheint zu warten. Fjodor reißt am Bremshebel, und der Pionier rollt winselnd aus. Sie können das Kind schreien hören.
„Ein Junge! Es ist ein Junge!“
Alex erkennt Marta sofort, ihren rotgefärbten Bubikopf und die schönen Brüste unterm Wollpullover. Sie lehnt sich aus dem Wagen und winkt mit einer Hand: Ein Junge, ein Junge! Die Menschen applaudieren und johlen, und Valencia macht sich daran, ihren Vorrat in Plastikbecher zu gießen und herumzureichen. Mutter Schura hockt auf der obersten Stufe der Einstiegsleiter und starrt auf ihre blutigen Hände. Valencia reicht ihr den Becher, sie will nicht, aber er bleibt hartnäckig und sagt, sie solle jetzt, es bringe sonst Unglück, sie müsse. Mutter Schura nippt zweimal, dann bittet sie um eine Zigarette.
Valencia wird später sagen: Pechschwarzes Haar und an jeder Hand sechs Finger, und Alex wird Fjodor anschauen und Fjodor wird aufs Gleis schauen, und die Dunkelheit raschelt und klirrt als werde sie in einem Schlitten von Pferden gezogen.

Wir werden unter dieser Brücke hindurchsegeln, und es wird Nebel herrschen, so dass wir nur die Betonfundamente der Pfeiler sehen werden und gezwungen sind, uns den Rest vorzustellen.

Er sieht: Die Golden Gate Bridge im Sonnenaufgang, in rotglänzender Eleganz, und er sieht: Das dunkle Wasser der Bucht von San Francisco, wie es sich an den mächtigen Brückenpfeiler schäumend bricht, kleine Segel wie angeschwemmte Taschentücher und dahinter die Lichter der Menschen. Er sitzt am Tisch und dreht seine Tasse, und sein Blick verliert sich im Dunst über der Bucht. Manchmal glaubt er in das Bild hineinkriechen zu können.
„Ich bin gleich soweit“, ruft Nina aus dem Bad. Ilja nippt am Tee und nickt.
Irgendwann mal, denkt er, irgendwann werden wir über diese Brücke fahren, wir werden unter dieser Brücke hindurchsegeln, und es wird Nebel herrschen, so dass wir nur die Betonfundamente der Pfeiler sehen werden und gezwungen sind, uns den Rest vorzustellen. Er zieht den Tee leise zischend zwischen den Lippen ein.
„Willst du mich so mitnehmen?“, Nina trägt über den Jeans ihre schwarzen Stiefel, der Bauch wölbt sich unter Pullover und Mantel.
„So können wir auch ins Ballett gehen“, sagt Ilja, steht auf und reicht ihr seine Tasse. Während sie trinkt, ruhig und abwartend, legt er ihr seine Hand auf den Bauch. Es ist ganz still.
Auf der Fahrt ins Depot halten sie kurz am Bahnhof und Nina besorgt eine Tüte frischer Piroggen und eine Schachtel Zigaretten, die sie ihm in den Schoß wirft. Für meinen Iljuscha. Im Depot begrüßen sie die Kollegen freundlich, erkundigen sich nach Ninas Gesundheit, sie antwortet knapp, aber herzlich. Ilja heizt den Ofen im Personenwagen an und spricht kurz mit den Mechanikern, während Nina im Führerhaus den Kragen ihres Mantels aufstellt und sich die Hände reibt. Es riecht nach Benzin und Schmierfetten, aber es ist fast nichts zu hören. Kurz darauf gleitet die TU4 langsam in die Dunkelheit hinaus. Es hat leicht zu schneien begonnen, die Flocken wirbeln im Licht der Scheinwerfer wie kleine Käfer. Ilja steht vor dem Pult und spricht über Funk mit der Station in Kalatsch, alles ruhig, etwas Eis. Sie lassen die letzten, flachen Schuppen hinter sich, Ilja zündet sich eine Zigarette an und öffnet das Fenster einen Spalt. Nina knabbert an einer Pirogge. Der Wald wirkt im frühen Licht wie ein ausgefranster Scherenschnitt. Verlassene Häuser ziehen vorüber, rostige Maschinen, deren einstige Verwendung nicht mehr zu erkennen ist, dann der erste Halt, an dem zwei alte Frauen zusteigen. Ilja hilft ihnen, schiebt noch einen Scheit in den Ofen. Nina ist stolz auf ihren Iljuscha, einer der wenigen, der mit seiner TU4 noch diese Strecke befährt und Leben in die Dörfer hinter den Wäldern bringt. Kurz vor Kalatsch übergibt sich Nina auf ihre Stiefel und krümmt sich vor Schmerzen. Iljas Hände zittern, als er endlich die Lok zum Stehen bringt und durchs offene Fenster hinausbrüllt.
Es geschieht alles auf eine Weise, die einen dazu zwingt, die Zusammenhänge zu erkennen, die einen zwischen das Leben fremder Menschen fügt, denkt Ilja, ob man will oder nicht. Er steht frierend neben der Lok und würgt, während oben im Personenwagen Mutter Schura und Marta um Nina knien, Mutter Schura spricht leise, Marta taucht Tücher in heißes Wasser. Der Stationsbeamte reicht Ilja eine Zigarette. Kurz bevor die Draisine neben ihnen zum Stehen kommt, und kurz bevor der erste Schrei des Kindes das Geschrei von Marta übertönt, weiß Ilja: Es gibt keine schnurgeraden Strecken ins Nirgendwo, er weiß: Es beginnt immer wieder von vorn.


  • Bild: unsplash.com / Abigail Keenan